"Eine Stimme, die uns vertraut war, schweigt." « flying_teapot

In Your Face Friday - Der Balkan fängt am Router an

karlstiefel 23.08.2013 1432 0
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Internet, unendliche Weiten. Oder ist es Internets? Internette? Internetze? Da muss eine Lösung her, denn wir brauchen vielleicht bald ein Plural für das Wort. Während es bei uns noch ein freies Medium ist, schränken andere Länder ihre Netzbürger bereits massiv ein. Dafür muss man nicht nach Nord Korea, es reicht der Blick nach Großbritannien oder vielleicht bald nach Deutschland. Haben unsere Nachbarn bereits ein anderes Internet als wir?

Zwei Dinge dürften gefühlte 90% des Internets ausmachen: Katzen und Pornos. Eines davon ist ab kommenden Jahr nur mehr auf Anfrage für britische Unser zugänglich. Während ihr ratet, welches der beiden es ist, gebe ich euch einen Hinweis: Es macht weder “Nyan”, noch ist es grumpy. Abhängig davon, welche Vorlieben ihr habt, werdet ihr wohl richtig geraten haben. Keine Pronos für die Briten. Nun lassen wir die technische Umsetzung und die politischen Beweggründe hinter der Sperre außen vor und stellen uns eine weitaus wichtigere Frage: Hat Großbritannien noch das selbe Internet wie wir? Mit dieser Beschränkung ändert sich nämlich die Wahrnehmung und Nutzungskultur des Internets für ein ganzes Land. Das wäre nichts Neues - schließlich gibt es aus verschiedenen Gründen bereits mehrere Internette … Inter … mehrere Versionen des Internets. Das fängt mit einfachen Gründen wie der Beliebtheit eines sozialen Mediums an. Während man bei uns auf Facebook ist, dominieren QZone in China, Cloob im Iran und V Kontakte in Russland. Somit bilden sich soziale Strukturen, welche uns trotz Anbindung ans Internet und der Mitgliedschaft im weltweit beliebtesten Netzwerk dennoch entgehen. Anders ist es beispielsweise in Ägypten, der Türkei oder dem Iran. Dort wurden bei mehreren Gelegenheiten Seiten wie Twitter oder YouTube aus politischen Gründen blockiert. Ein “eigenes Internet” ohne solche Kommunikationsplattformen sollte geschaffen werden.

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Die Social Media Weltkarte von Vincenzo Cosenza.

Dafür müssen wir eigentlich garnicht so weit weg schauen - bereits in Deutschland gibt es Stimmen, die nach einem “deutschen Internet” schreien. Konkret handelt es sich um den Vizekanzler Philip Rösler, der Konsequenzen aus der NSA-Affäre ziehen möchte. Gestützt wird der FDP-Politiker von der deutschen Wirtschaftskammer, welche wiederum Angst vor Industriespionage hat. Viele Forderungen werden gestellt, Buzzwords wie “Kommunikationsschutz” oder “Alternativinfrastruktur” fallen. Ob und in welcher Form es ein eigenes Europäisches Internet geben wird, bleibt noch ungewiss. Vielleicht ändert sich damit ja das Problem, welches die Youtuber in unserem Nachbarland haben: die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, oder kurz GEMA. Mit einem “Dieses Video ist in Ihrem Land nicht Verfügbar” vertröstet Youtube die gebremsten Zuschauer, ergänzt durch ein “Das tut uns leid”. Das Gangam Style Video hat zum aktuellen Zeitpunkt 1,7 Milliarden Views - kaum einer davon aus Deutschland, dort war das Video nämlich von der GEMA gesperrt. Somit wurde ein ganzes Land von einem kulturellen Ereignis ausgeschlossen. Genützt hat es nichts, auch in Berlin hat man den Hopsetanz getanzt.
Was für absurde Ausmaße das annehmen kann, zeigte Sony vor gut drei Jahren. In einem firmeneigenen Werbespot, unterlegt von Musik eines Interpreten bei Sony Music, wurde ein neuer Fernseher der Marke beworben. Kurz darauf wurde eben dieser Werbefilm gesperrt, da er Musik von Sony Entertainment enthielt und das Label mit Youtube-Sperren recht großzügig umgeht. Selbst ein Konzern wie Sony ist sich nicht einig, in welchem Internet er eigentlich zu Hause ist.
Nun ist fraglich, ob bei einem eigenen deutschen Video-Streaming-Service ein solches Szenario auch möglich gewesen wäre. Immerhin müssten die GEMA und die von ihr vertretenen Künstler und Firmen jeden vergleichbaren Service kontrollieren. Bei einer Aufteilung in viele kleinere Services würde zwar der lange Arm der Anwaltskanzleien massiv gekürzt werden, dem Angebot auf den Seiten würde es aber ähnlich gehen.

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In Österreich ein seltener Anblick, für deutsche Netzbürger jedoch ein regelmäßiges Problem.

In der Praxis gibt es noch viele digitale Stolpersteine, denen wir in den kommenden Jahren begegnen werden. Ob der Weg hin zu mehreren abgetrennten Inkarnationen des Internets führt, bleibt abzuwarten. Es braucht den neuen Zweig der Digitalphilosophie, um die Frage zu beantworten, ob man dann noch von einem Internet sprechen kann. Doch selbst dann, wenn jedes Land eine eigene Version des Netzes hat, werden diese noch immer aufeinander zugreifen können - auch, wenn die User dafür über eine Proxy auf die Seiten und Services im anderen Internet zugreifen müssen. Um Dr. Ian Malcom falsch zu zitieren: “Das Internet findet einen Weg.”

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