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In Your Face Friday - Dank Memes

karlstiefel 13.05.2016 20294 4
In Your Face Friday
Memetik ist etwas Wundervolles - ein Insider-Witz, der sich über einen ganzen Kulturkreis erstreckt. Durch die Digitalisierung ist die Welt ein Stück weiter zusammen gerückt, was auch die Entwicklung von Memes beschleunigt hat. Während Lautverschiebungen Jahrhunderte und Trendwörter Jahrzehnte gebraucht haben, haben neue Internet-Memes eine Halbwertszeit von Monaten - bestenfalls. Dadurch begeben sie sich auf das Hoheitsgebiet einer Kunstform, die vor einem halben Jahrhundert die endlose Wiederholung zum alten Hut erklärt hat: der Pop Art.

Ach, was haben die Newsgroup-Nutzer vor 20 Jahren gelacht, als das tanzende Baby auf ihren Röhrenmonitoren so lustig tanzte. Das Dancing Baby ist wohl eines der ältesten Memes, die es aus ihrer Blase geschafft haben und somit zu einem massenwirksamen Phänomen wurden. Es war der Startschuss der Internet-Memes. Seither ist die Anzahl der Netzbürger stark gestiegen, mit ihnen auch die Flut an Memes. Alleine in den vergangenen (etwa) zehn Jahren entstanden das Trollface, Y U NO, Forever Alone, Macro-Bilder wie Scumbag Steve, die Overly Attached Girlfriend oder Success Kid, Gaming-Anleihen wie Do a Barrel Roll oder I took an Arrow to the Knee, Tierische Vertreter wie Doge, I can has Cheezeburger, die Grumpy Cat, der stets charmante FFFFFFFUUUUUUUUUUUUUU-Typ und der Frosch Pepe (mit unglaublichem Sammlerwert),um nur ein paar Genregrößen zu nennen. Die Liste könnte ewig weiter gehen, für Interessierte gibt es Know Your Meme. Allgemein lassen sich die teils stark überbenutzten Internet-Jokes als Dank Memes bezeichnen, ein Sammelbegriff für Memes, die durch die starke Wiederholung und weite Verbreitung ihr Gag-Potenzial verloren haben. Es ist der selbe Witz, den man schon hundert mal gehört hat - irgendwann ist er nicht mehr lustig.
Einer der jüngsten Vertreter dieser stets in Beschleunigung befindlichen Serie an Memes hat meine Aufmerksamkeit ergattert. Simplistisch, minimalistisch und dumm wie ein halber Meter Feldweg: dat boi. "Dat was bitte?", werdet ihr euch vielleicht fragen. Dat boi - ein Frosch auf einem Einrad, zusammen mit den Anmerkungen "here come dat boi" und "o shit waddup!" So weit, so unlustig - aber das Meme selbst beinhaltet in diesem Fall auch nicht die Pointe. Stattdessen haben wir es mit der gezielten Dekonstruktion des Internet-Memes zu tun, einer Art Meta-Humor. Dat Boi (o shit waddup) hat alle Merkmale eines üblichen Memes: einfach wiederholbare Formel, Elemente aus Bild und der optionalen Schrift, die Möglichkeit, es in verschiedenen Varianten anzuwenden. Der komplette Mangel an tatsächlichem Humor-Potenzial und die oft gezwungen wirkende Anwendung sind hier durchaus gewollt. Der Netzgemeinde wird die eigene Treue zu einer etablierten Formel vorgeführt. So muss es sich anfühlen, wenn man erstmals mit Memes zu tun hat: Insider-Witze, die auf den ersten Blick keinen Sinn machen. Dat boi (o shit waddup) wurde entworfen, bewusst oder nicht, um diese Fremdartigkeit und die nervende Wiederholung zu emulieren. Es ist ein Meme über Memes, ein Metameme. Bloß sind das Kopieren von scheinbar eingerosteten Formeln und das Wiederholen dieser bis zur Unkenntlichkeit keine Erfindung von 2016, sondern eine von 1952.

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Wiederholung bis zum endgültigen Bedeutungsverlust: Im Vergleich zu dat boi (o shit waddup) können Andy Warhol und Roy Lichtenstein einpacken!
Foto von Raphaël Labbé.

Schon vor über 60 Jahren hat Pop Art einen kulturellen Ausfallschritt gewagt: Statt ausschließlich Originale zu schaffen, wurden oft Motive kopiert und/oder abgeändert. Die daraus entstehenden Kollagen haben die Vorlagen in einen neuen Kontext gestellt und Bedeutungen verändert oder gar neu geschaffen. Das war nämlich - selbst wenn sonst nur ausgeschnitten und aufgeklebt wurde - die eigentliche Bedeutung der Pop Art. Bedeutungsschwangere Motive wurden so lange wiederholt, bis sie komplett sinnfrei erschienen und unscheinbare Details wurden zu den heimlichen Stars der Kunstwerke. Es ist, als ob man ein Wort immer und immer wieder aussprechen würde, bis es jegliche Bedeutung verliert. Was dann bleibt, ist der bloße Klang, losgelöst von dem, was das Wort ursprünglich beschrieben hat. So ähnlich muss es sein, wenn jemand, der kein Deutsch kann, das entsprechende Wort zum ersten Mal hört.
In die gleiche Kerbe schlägt das Anti-Meme Dat Boi (o shit waddup): Die bekannten Strukturen werden bis zur Bedeutungslosigkeit wiederholt, man postet sich in eine kulturelle Trance. Erst dann kann die eigene Kommunikation - und nichts anderes sind Memes - von außen betrachtet und hinterfragt werden. Dass der Prozess, den man bis zu diesem Punkt hinlegen muss, ziemlich sinnfrei und bei Zeiten sogar nervig ist (sagt mal ein Wort eine halbe Stunde lang und schaut, wie eure Umgebung darauf reagiert), ist durchaus gewollt. Der Sinn einer Kommunikation - die sogenannte Semantik - wird durch die Überbeanspruchung der Kommunikation selbst überbrückt. Was einst durch Künstler-Kollektive bewusst verwendet wurde, ist mittlerweile in das Fundament der Web-Kultur eingesickert. Statt in Galerien werden die Kunstwerke nun auf reddit gepostet, auf 9gag gibt's den repost und auf facebook den repost vom repost inklusive like. Die Wiederholung wird wiederholt, die Künstler füllen nur noch Lückentexte aus und werden nach dem Posten wieder zum Konsumenten und Kritiker. Pop Art ist so lange wiederholt worden, dass sie jeglichen Sinn verloren hat. Den einstweiligen Höhepunkt hat dieser kulturelle Prozess in einem obskuren Meme gefunden, bei dem ein Frosch auf einem Einrad sitzt. Und das, meine Freunde, ist wahre Kunst.
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